20 Minuten-Artikel über angebliche Vernichtung des Elektroauto Booms

In einem Beitrag mit dem reisserischen Titel „Corona-Krise vernichtet E-Auto-Boom“ sagt die Online-Ausgabe der Schweizer Pendlerzeitung 20 Minuten den Elektroautos eine düstere Zukunft voraus. Die Leute würden jetzt günstige Autos mit Verbrennungsmotoren gegenüber Elektroautos bevorzugen.

Der Beitrag von 20 Minuten ist so undifferenziert und tendenziös, dass wir kaum wissen wo wir anfangen sollen. Am besten der Reihe nach.

Der Titel „Corona-Krise vernichtet E-Auto-Boom“:
Die Corona-Krise führte bekanntlich in fast allen Wirtschaftsbereichen zu einem deutlichen Einbruch der Nachfrage. Nach „Corona-Krise vernichtet…“ hätte 20 Minuten alles mögliche hinschreiben können. Der Titel suggeriert zudem, dass es sich bei Elektroautos grundsätzlich um reine Luxusgüter handle, die bekanntlich während einer Rezession weniger stark nachgefragt sind. Zudem sei auch der tiefe Benzinpreis ein Grund für die „Vernichtung des Booms“. Mehr dazu später in diesem Artikel.

Die Einleitung:
Noch im Januar hätte eine Studie vorausgesagt, dass sich Elektroautos in 10 Jahren besser verkaufen werden als – Zitat – „herkömmliche Verbrenner“. Doch wegen der Corona-Krise sei dies nicht mehr möglich, zumindest wird versucht, das dem Leser so aufzubinden. Alleine in dieser Einleitung finden wir drei Fehler.

Erstens: Die Studie der Boston Consulting Group zählt in ihrer Studie sogenannte elektrifizierte Fahrzeuge, sprich Hybridautos, zu den Elektroautos. Da praktisch alle Autohersteller elektrifizierte Verbrenner im Angebot haben, ist es nicht weit aus dem Fenster gelehnt zu behaupten, dass im Jahr 2030 über 50 Prozent der Neuwagenverkäufe mindestens einen kleinen Elektromotor an Bord haben werden. Diese Fahrzeuge werden dann immer noch grösstenteils mit Benzin und Diesel unterwegs sein, einfach deutlich sparsamer. Allein die Emissions-Vorgaben der EU werden vermutlich dazu führen, dass die Prognose der Boston Consulting Group eintreffen wird. Die Autohersteller müssen den Durchschnittsverbrauch ihrer Fahrzeugflotten deutlich nach unten drücken, was nur mit reinen Elektroautos bzw. mit Hybridantrieben bewerkstelligt werden kann. Sonst drohen hohe Bussen. Unserer Meinung nach ist die Daseinsberechtigung von Hybridautos schon längst vorbei. Entweder 100 Prozent elektrisch oder gar nicht. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Zweitens: „Noch im Januar hiess es in einer Studie, dass sich E-Autos bereits in zehn Jahren besser verkaufen könnten als herkömmliche Verbrenner“. Elektroautos werden sich besser verkaufen als herkömmliche Verbrenner? Was wird in einem Elektroauto dann bitteschön verbrannt? Dieser sinnlose Satz ist vermutlich ein Opfer von der oben genannten Vermischung von Elektroautos und Hybriden in der Studie.

Drittens: Auch wenn uns die Corona-Pandemie im schlimmsten Fall noch sehr lange beschäftigen wird, 10 Jahre ist eine sehr, sehr lange Zeit. Die langfristige Prognose der Studie aufgrund der aktuellen Pandemie in Frage zu stellen ist schon sehr pessimistisch.

12 Prozent Einbruch bei den Elektroantrieben von Januar bis April:
Das sind die Zahlen von Auto Schweiz welche diese monatlich erhebt. Trotzdem muss man relativieren. Der Elektroauto-Markt in der Schweiz wird von zwei Modellen dominiert. Dem Renault Zoe und dem Tesla Model 3. Alle anderen Elektroautos haben deutlich weniger Verkäufe als diese beiden Spitzenreiter. Einen Einbruch der Verkaufszahlen bei diesen beiden Modellen beeinflusst die Kategorie „Batterieelektrisches Fahrzeug“ in der Auto Schweiz Statistik überproportional.

Der Autor des 20 Minuten Artikels bezieht sich, wie wir auch, auf die Informationen von Auto Schweiz. Auto Schweiz verweist darauf, dass Lieferschwierigkeiten ein Grund für den Rückgang der Neuzulassungen bei den Elektroautos ist. Der 20 Minuten-Autor ignoriert diese Ursache in seinem Artikel komplett.

Dass der Gesamt-Automarkt deutlich tiefer gefallen ist als der Verkauf von Elektroautos wird dem Leser auch einfach vorenthalten. Von Januar bis März wurden insgesamt 23,1 Prozent weniger Autos verkauft . Der Verkauf von Diesel-Modellen ging sogar um 33,1 Prozent zurück.

Gleichzeitig stieg der Marktanteil von Elektroautos von 4,2 (Q1 2019) auf 5,6 Prozent (Q1 2020)!

Der Chefökonom der Swiss Life, Herr Marc Brütsch, hat zur Verfassung des Schweizer Automarkt folgendes getwittert:

Die Produktion im Tesla Hauptwerk in Fremont Kalifornien wurde aufgrund der Pandemie vorübergehend stillgelegt. Gemäss neusten Informationen soll der Betrieb in der Tesla-Fabrik ab diesem Freitag wieder aufgenommen werden. Üblicherweise werden bei Tesla in den ersten eineinhalb Monaten eines jeden Quartals Fahrzeuge für den internationalen Markt gebaut. Diese erreichen die Käufer dann bis zum Ende des Quartals. Während der zweiten Quartals-Hälfte produziert Tesla hauptsächlich für den Heimmarkt, wo der Transport der Fahrzeuge zu den Kunden weniger lange dauert. Aus diesem Grund sind die Tesla Verkäufe in jedem ersten Monat eines Quartals in ganz Europa deutlich niedriger im Vergleich zum Quartalsende. Da während dem ganzen April wegen des Lockdowns keine neuen Teslas für Europa hergestellt wurden, werden die Zahlen auch in den kommenden Monaten schlecht sein. Seien Sie also gespannt auf weitere solcher Clickbait-Artikel.

Im ersten Quartal 2019 kam zudem der Tesla Model 3 auf den Schweizer Markt. Viele Käufer hatten sich das Fahrzeug schon lange vorbestellt. Tesla nahm seit der Präsentation des Model 3’s im April 2016 Bestellungen entgegen. Tesla konnte sich also letztes Jahr durch eine lange Warteliste arbeiten. Diese Tatsache haben die Verkaufszahlen vom letzten Jahr positiv beeinflusst oder direkt gesagt „verfälscht“. Der Vergleich zum Vorjahr hinkt also gleich doppelt.

Das Model 3 ist übrigens trotzdem mit 962 Neuzulassungen (Januar bis März 2020) auf Rang 4 der meistverkauften Autos der Schweiz. Nur der Mercedes GLC, VW Tiguan und Skoda Octavia wurden häufiger verkauft.

Wegen günstigem Benzin würden die Leute jetzt eher Verbrenner kaufen:
Wir hoffen, dass niemand ernsthaft alleine aus dieser Überlegung heraus sich für ein Auto mit Benzin- oder Dieselmotor anstatt einem Elektroauto entschieden hat. Auch beim derzeit tiefen Ölpreis sparen Elektroauto Fahrer über die Lebensdauer des Autos bares Geld. Die Einsparung ist weniger markant aber immer noch deutlich. Zudem ist der Ölpreis sehr volatil. Wer glaubt, der Ölpreis bleibt die nächsten fünf Jahre so niedrig, der ist ziemlich mutig.

UBS Analyst Paul Gong sieht das gemäss einem Bericht auf Barron’s so:

While lower oil prices could “undermine the comparative advantages” of EV over standard combustion cars, notably in the U.S., that may not be the case when it comes to the world’s two biggest EV markets — China and Europe.

Paul Gong, UBS

Ferdinand Duddenhöfers Aussage „Tesla wird so gross wie BMW sein“:
Grösser!

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Artikelbild: 20 Minuten